Heute früh wurde ich durch das Rasseln meines Weckers aus dem Bett gerissen. Ich hasse dieses Gerassel aber wenigstens sorgt es dafür, dass ich auch tatsächlich aufstehe. Bei meinem früheren Radiowecker habe ich meistens noch einmal umgedreht und habe weitergedöst. Nun stehe ich kerzengerade im Bett und blicke aus dem Fenster. Ein schöner Morgen, was in der Welt so passiert? Ich weiß es nicht aber irgendwie interessiert es mich auch nicht sonderlich. Seitdem ich meinen Handyvertrag gekündigt, meinen Telefonanschluss abgemeldet und auch meinen Fernseher nicht mehr benutze bin ich nicht mehr so auf dem Laufenden wie früher. Irgendwie ist vieles einfacher geworden. Ich mache mir nicht mehr so viele Gedanken um das, was um mich herum geschieht sondern kümmere mich mehr um die Dinge, die mich selber betreffen.
Ob ich noch Strom habe fragt ihr mich? Ja sicher – die Stromkollektoren auf dem Dach liefern mir den Strom, den ich für mein tägliches Leben brauche. Ich habe Licht, warmes Wasser und auch mein Radio läuft ohne große Probleme. Bei der GEZ bin ich natürlich nicht angemeldet aber wer soll schon wissen, das ich ein Radio zuhause habe. Meistens höre ich sowieso nur alte Musik – den neumodischen Kram möchte ich mir nicht antun. Die Sonnenkollektoren und die weiteren kleinen Annehmlichkeiten habe ich mir mit Bargeld gekauft. Ist nicht so angenehm, mit so viel Geld in der Tasche zum Händler zu gehen aber nachdem ich meine Kreditkarten und Bankkonten geschlossen habe, bleibt mir nicht mehr so viel übrig. Aber ich beschwere mich nicht. Es hat einen großen Vorteil: Die Händler um die Ecke, bei denen ich meine Nahrungsmittel kaufe, die ich nicht selber anbauen kann, kennen mich mittlerweile persönlich. Man hat ein ganz besonderes Verhältnis zueinander. Scheinbar bin ich der Einzige, der ohne Bonuskarte bezahlt und dazu noch immer mit Bargeld.
Vor einigen Minuten habe ich mir frische Eier von meinen Hühnern geholt und brate mir auf meinem Gasbrenner ein leckeres Frühstück. Mein selbst gebackenes Brot schmeckt hervorragend. Dann und wann treffe ich mich mit meinen Freunden in einer Kneipe, um was trinken zu gehen. Die Meisten hantieren mit ihren Blackberrys und iPhones herum aus Sorge, etwas zu verpassen. Zum Glück ist das nicht so extrem das man sich nicht mehr unterhalten könnte, aber stören tut es mich dann doch ein klein wenig. Als meine Eltern früher mit mir draußen waren, gab es kein Handygeläut oder ähnliches. Aber die Zeiten ändern sich.
Vor einigen Monaten habe ich mich dazu entschlossen, meinem virtuellen Datenleben ein Ende zu bereiten. Ich habe meine gesamten Ersparnisse zusammengenommen und ein kleines Häuschen am Rand der Stadt gekauft. Natürlich musste ich auch dort meine Daten hinterlassen und mich beim Einwohnermeldeamt anmelden aber damit werde ich leben können. Im Zuge der immer größer werdenden Datenskandale und Datendienste habe ich für mich persönlich den Schlussstrich gezogen. Ein Leben ohne diese Datensammelwut, ohne all den Druck und den Stress, den ich mir mit diesen neuen digitalen Diensten antun müsste. Ich bin zum Baumarkt und habe mir die wichtigsten Utensilien gekauft, um das Haus so für mich herzurichten, wie ich es möchte. Das Auto habe ich mir von einem Freund geliehen – mein eigenes habe ich vor einigen Jahren bereits verkauft. Längere Strecken bringe ich mit dem Fahrrad hinter mich und auch Bus und Bahn kann man ja noch mit Münzen bezahlen.
Mein Auskommen schaffe ich mir mit dem Gemüse, welches hinten im Garten wächst und durch einfache Arbeiten auf Baustellen oder Nachbarschaftshilfen. Das große Geld ist es nicht aber ich brauche auch nicht mehr viel Geld für mein Leben. Das, was ich mir verdiene, verstecke ich unter einer alten Holzdiele, wo mein gesamtes Erspartes liegt. Mein Hund Benno passt schon gut darauf auf. Ich kümmere mich aber auch wirklich gut um ihn. Ich glaube er fühlt sich auch wohl. Bekommt jeden Tag frisches Fleisch und Gemüse – genau wie ich auch.
Letzten Monat ist mein bester Freund verstorben. Ich habe es erst über Bekannte erfahren und das auch erst 2 Wochen danach. Gestern war ich an seinem Grab und habe für ihn gebetet. Erstaunlich wie wenig Menschen um mich herum waren. Der gesamte Friedhof war wie ausgestorben und das an einem Sonntag. Merkwürdig. Aber wahrscheinlich haben die Menschen einfach nicht mehr so viel Zeit wie früher. Oder sie nehmen sie sich einfach nicht.
Handys, Internet und Kreditkarten brauche ich nicht mehr. Ich lebe mein Leben in Ruhe und Genügsamkeit. Einen normalen Job würde ich ohne ein Bankkonto sowieso nicht bekommen also lasse ich es. Zufrieden bin ich auch so – warum sollte ich wieder einen Schritt zurück gehen? Ich habe meine Nachbarn und Freunde so lieb gewonnen, wie niemals zuvor. Es ist eine ganz große Herzlichkeit unter uns. Eben wie in einer Familie – ganz wie früher. Gleich treffe ich mich mit meiner liebsten Freundin Steffi, die sich vor kurzem von Ihrem Mann getrennt hat. Scheinbar hat er seine Internetsucht nicht in den Griff bekommen. Sie braucht einfach mal jemanden, mit dem sie reden kann. Ich habe Zeit – ganz viel Zeit…
Irgendwie klingt diese Geschichte nicht allzu spektakulär – fast könnte man sagen langweilig. Als ich eben spontan angefangen habe sie zu schreiben, ging ich davon aus, dass mir ganz viele Dinge einfallen, die das Leben ohne all diese spannenden neuen Datendienste und Produkte total langweilig wäre. Doch je mehr ich darüber schrieb, umso mehr fiel mir auf, dass dieses Leben gar nicht so turbulent und schwierig ist, wie man es sich im ersten Moment vielleicht vorstellen mag. Viele Menschen auch in den hochtechnisierten Gesellschaften leben genau auf diese oder eine andere ähnliche Art. Und sie sind zufrieden, ohne den neumodischen Quatsch, wie sie es nennen. Muss man immer mit allem und jedem auf einer Zeit sein? Man muss es nicht und jeder kann sich für seinen eigenen Weg entscheiden. Ob nun so extrem wie in diesem Fall muss es natürlich nicht sein. Aber in Sachen Datenspeicherung kann jeder für sich alleine entscheiden, wie weit er gehen mag. Ich denke der persönliche Weg ist immer der Richtige. Ein gutes Mittel ist, sich genau darüber Gedanken zu machen was man möchte und wo die festen Grenzen liegen. Heute hat man noch alle Fäden in der Hand und kann sich bei fast Allem im Leben entscheiden, wie weit man gehen möchte und wo man die persönlichen Grenzen zieht. Niemand zwingt einen, irgendwo Daten abzugeben, doch wenn man beispielsweise das Internet oder EC-Karten benutzt, dann muss einem klar sein, dass diese Daten gespeichert und eventuell verarbeitet werden – wofür auch immer. Das ist nicht einmal schlecht – letztendlich bringt es unsere Gesellschaft und den Fortschritt auch weiter. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass so etwas tatsächlich auch geschieht. Und vielleicht beruhigt es den Einen oder Anderen ja auch, dass man nicht der Einzige ist, dem es so geht. In einer Welt, in der Datenspeicherung mittlerweile zum Alltag gehört…oder eben auch nicht. Es hängt ganz davon ab, wie man sich entscheidet.







Sie hört sich zwar unspektakulär an, aber erst wenn man mal ohne den ganzen Technik Kram lebt wird man merken, wie man doch wieder in der Steinzeit des Technikalters sich befindet. Bei mir bekomme ich schon Schweißausbrüche wenn der Server mal nicht rund läuft und erst dann wird mir bewußt wie abhängig ich doch von dem ganzen Kram bin. Aber genau so haben wir früher gelebt und heute werden Leute schon wegen Handys umgebracht. Schon verrückt irgendwie
Lach. Ich habe vor ein paar Wochen mal einen Thread verfasst, der über mein Leben in 30 Jahren handelt. Das artet wohl als das genaue Gegenteil aus. Interessant der Vergleich ;)
Toller Text.
Das Leben kann so einfach sein!
Meine Lieblingsgeschichte hierzu, vielleicht kennst Du die auch
“Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral”
@Nila: Hast du einen Link für mich?
@funkygog: Habe mir die Geschichte gerade mal durchgelesen. Total schön und regt zum nachdenken an. Danke dafür :-)